Bericht in Sport regional von Jürgen Primus vom 27. April 2018

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Bericht in Sport regional von Jürgen Primus vom 27. April 2018

SPORT regional

Sie sind Pioniere in ihrer Sportart: Michaela Stutz (31) und Carina Niemeyer (21) von der DJK Dülmen sind G-Judoka. Die bei den jungen Dülmenerinnen haben eine anerkannte Lernbehinderung und trotzdem schon zahlreiche Erfolge vorzuweisen. Sie holten sich bei der ersten Weltmeisterschaft im G-Judo im ver gangenen Jahr in Köln überraschend den Titel in ihrer jeweiligen Gewichtsklasse. Die nächsten Ziele sind mittlerweile schon programmiert: Die Europameisterschafts-Premiere in diesem Jahr in Großbritannien und die Special Olympics.

 

Brauner Gurt und 1. Dan: Dülmenerinnen mit Handicap trainieren G-Judo auf Top-Niveau

Die Wut, die rauswill

Die Dülmenerinnen Carina Niemeyer (21) und Michaela Stutz
(31) sind eher schüchterne junge Damen. Der Händedruck zaghaft, die Stimmen eher schwach. Doch wenn sich Carina die weiße Judo-Kleidung mit dem braunen Gurt oder Michaela sogar mit dem schwarzen Gürtel zusammenbindet, sind die beiden G-Judoka in ihrem Element. „Ich will immer gewinnen. Und das möglichst schnell‘, sagt Michaela Stutz. Dafür legt sie ihre Gegner reihenweise aufs Kreuz.

Sie ist derzeit die erste behinderte Frau weltweit, die die Prüfung zum schwarzen Gürtel, dem ersten Dan, abgelegt hat – und das nach den Prüfungsbedingungen für Nichtbehinderte. „Das ist schon sensationell“, sagt ihr Trainer Bemard Freitag. Carina Niemeyer will der

»Sie probiert oft einen Mischwurf, eine Technik aus drei verschiedenen
Elementen.«
Trainer Bernard Freitag

 

Trainingspartnerin in diesem Jahr nacheifem. Die 21-Jährige will von Ende Juni bis
Anfang Dezember die drei notwendigen Prüfungen, wie Stand- und Bodentechniken sowie eine entsprechende Kata, eine vorher definierte Abfolge von Bewegungen, ablegen und somit ebenfalls den schwarzen Gurt erlangen. Michaela Stutz strebt den zweiten Dan
an. Trainer Freitag:    „Die Wartezeit ist vorbei. Jetzt kann Michaela die Prüfung angehen.“ Für den zweiten Dan gibt es gar keine Prüfungsordnung für G-Judoka. Hier müssen die Bedingungen der Nichtbehinderten erfüllt werden.

Dafür investieren die beiden Dülmenerinnen viel Schweiß und Fleiß. Montags wird in der Trainingsgruppe in der Turnhalle des AnnaKatharinen-Stiftes Karthaus mit anderen G-Judoka geübt. Dienstags geht es mit nichtbehinderten Judoka der DJK Dülmen auf die Matten. Zudem gibt es zahlreiche Landes- und Nationalmannschaftslehrgänge sowie Turniere. Zwischendurch geht es noch in den Kraftraum oder zum Ausgleich wird Fußball gespielt oder mit Inline-Skates gefahren.

Niemeyer, die in der Gewichtsklasse 72 bis 78 Kilogramm startet, und Stutz (Gewichtsklasse 49 bis 52 Kilogramm) haben aktuell beide Einladungen des Landestrainers für die internationale Deutsche Einzelmeisterschaft, die am Samstag, 28. April, in Berlin ausgetragen
wird. Ende August warten die British Open auf Stutz und Niemeyer, wo auch gleichzeitig die Europameisterschaft ausgetragen  wird.

Ihr Trainer Bernard Freitag, selber Schwarzgurtträger, traut sei- nen beiden Schützlingen da-
bei den nächsten großen Wurf zu. Apropos Wurf: Michaela Stutz, die als Siebdruckerin in den Behinderten Werkstätten Karthaus Spiele bedruckt, ist besonders vielfältig. Sie hat nach eigenen Angaben keinen besonderen Wurf. „Ich bin da nicht festgelegt.“

Carina Niemeyer, die in der Bio-Gärtnerei der Werkstätten Karthaus tagsüber eingesetzt ist, greift am liebsten über die rechte Seite des Gegners an. Trainer Freitag: „Sie probiert oft einen Mischwurf, eine Technik aus drei verschiedenen Elementen.“ Klappt das nicht, hat Nie-
meyer natürlich auch andere Techniken parat.

Vor dem Gang auf die Matte zittern beiden Dülmenrinnen regelmäßig die Hände. „Das ist bei mir die Wut, die raus will“, hat Michaela Stutz erkannt. Eine Folge ihrer Lernbehinderung. Sie sei schnell aufbrausend. Habe aber durch das Judo auch gelernt, sich zu kontrollieren. Carina Niemeyer ist
eher nervös. „Dann denke ich mir, dass immer alles gut wird.“ So wie im November, als die beiden Dülmerinnen bei der ersten Weltmeisterschaft überhaupt sich gleich die Titel in den jeweiligen Gewichtsklassen sichern konnten.

Viel mehr geht eigentlich nicht. Und doch gibt es weitere Ziele für  die beiden Dülmenerinnen. „„Der Verein ist jetzt extra dem Behinderten Sportverband beigetreten, der die Special Olympics ausrichtet. Nur so können Carina und Michaela auch dort starten“, so DJK-Trainer Freitag weiter. Als Weltmeisterinnen wollen die jungen Kampfsportlerinnen auch bei Olympia die Konkurrenz aufs Kreuz legen. Carina Niemeyer: „Das wäre ein Traum.“

 Die beiden Dülmenerinnen trainieren auf hohem Niveau – mitunter gelingt der große Wurf, der in diesem Jahr zur EM nach Großbritannien führt.

 Judo mit einem Handicap

Der Begriff G-Judo stammt aus dem Niederländischen und heißt dort frei übersetzt „Judo mit
einem Handicap“ oder auch „Gehandicapt Judo“. In Deutschland wird zu meist die Bezeichnung „Geistigbehinderten-Judo“ angenommen. G-Judoka sind in der Lage, auch bei
nichtbehinderten Athleten mitzutrainieren und je nach Behinderung judo-ähnliche Bewegungen auszuführen. Schon früh erkannten Ärzte und Therapeuten den hohen Wert des Sports für die körperliche und auch die persönliche Entwicklung. Die Klassifizierung hier in Deutschland ist nach Absprache der Behindertensportreferenten der einzelnen  Bundesländer in insgesamt drei Wettkampfklassen geregelt, der Übergang zwischen den Klassifizierungen sollte immer als „Grauzone“ zu verstehen sein.

 Klasse 1: Judoka, die aufgrund ihrer Behinderung auch mit nicht behinderten Judoka trainieren und Judo-Techniken (80 bis 100 Prozent) gut umsetzen können.

Klasse 2: Judoka, die aufgrund ihrer Behinderung Judo-Techniken (50 bis 80 Prozent) einge-
schränkt umsetzen können und in Behindertengruppen trainieren.

Klasse 3: Judoka, die aufgrund ihrer Behinderung Judo mehr als Spielform ausüben. Diese Ju-
doka können weniger als 50 Prozent der im Judo Skill-Test beschriebenen Techniken ausführen.

 

 

 

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